Viermal bleibt sein Herz stehen, viermal wird er erfolgreich reanimiert: Was der Herdecker Aristotelis Georgopoulos am 22. November 2020 nur knapp überlebt, lässt ihn nicht mehr los. Bis er die Menschen, die an seiner Rettung beteiligt waren, trifft und sich bei ihnen bedankt.

Etwas verlegen stehen sich die Männer am Herdecker Ruhrufer gegenüber. Auf der einen Seite Georgopoulos, auf der anderen die Einsatzkräfte. Der gebürtige Grieche übernimmt die Initiative, erzählt in seiner ungezwungen-fröhlichen Art über das, was sie in der Winternacht vor über sechs Monaten gemeinsam erlebt haben, über das, was sie miteinander verbunden hat. Das Eis ist gebrochen.

Es war ein ganz normaler Samstag, Georgopoulos arbeitete bis spät am Abend in der Restaurantküche, räumte auf, ging nach Hause, duschte und wollte zu Bett gehen. Dann setzten die Schmerzen in der Brust ein, ganz plötzlich und sehr stark.

Der 56-Jährige wählte die 112. In der Leitstelle der Kreisverwaltung nahm Disponent Marco Attern den Notruf entgegen. Sein Verdacht: akuter Herzinfarkt. Attern schickte einen Rettungswagen und einen Notarzt los. „An der Atmung habe ich gehört, dass er definitiv schnellstmöglich Hilfe benötigte. Weil er allein war, habe ich ihm gesagt, ‚geh raus auf die Straße‘. So ging keine Sekunde verloren.“

Sieben Minuten nach dem Notruf trafen Rettungsassistent Fabian Schleicher und Notfallsanitäter Philipp Börner vor dem Haus ein. „Dieser Einsatz ist uns in guter Erinnerung geblieben“, sagt Schleicher.

Der Grund: Georgopoulos lief noch eigenständig in den Rettungswagen, erlitt aber schon kurz nach Fahrtbeginn einen Herzkreislaufstillstand. „Unmittelbar nach der Reanimation mit dem Defibrillator hat er das Bewusstsein wiedererlangt. Das ist sehr ungewöhnlich. Er hat mir sogar etwas über griechische Kost erzählt“, schmunzelt Börner. „Und das Ganze wiederholte sich noch dreimal.“

Der Patient selbst erinnert sich daran nicht mehr. „Kurz nachdem der Rettungswagen da war, wurde es dunkel“, sagt er. „Ich weiß, dass ich einmal wach geworden bin und gemerkt habe, wir fahren ins Krankenhaus. Dann habe ich noch einmal gespürt, wie jemand seine Hände von mir weggenommen hat. Der Rest liegt im Dunkeln.“

Dem Wittener Marienhospital wurde Georgopoulos in stabilem Zustand übergeben. Mehrere Stents, also Gefäßstützen, wurden ihm implantiert. Sie sorgen dafür, dass sich bei ihm verengte Blutgefäße nicht mehr verschließen. Nach einer Woche verließ der Herdecker das Krankenhaus wieder, ohne gesundheitliche Einschränkungen.

Doch so weitermachen wie bisher, das kam für ihn nicht in Frage. „Ich habe eine zweite Chance bekommen, die kriegt nicht jeder. Und damit will ich sorgsam umgehen.“ Der frühere Raucher hat seit seinem Herzinfarkt keine Zigarette mehr angerührt, er isst jetzt „nicht mehr irgendetwas“, sondern viel Gemüse und Obst. Inzwischen geht es ihm sogar besser als vor dem Herzinfarkt. Sein Raucherhusten ist weg.

Innerlich Ruhe zu finden, fällt deutlich schwerer. „Wären meine Helfer nur etwas später gekommen, wäre es aus gewesen. Ich verdanke ihnen mein Leben, aber ich konnte mich kaum an sie erinnern. Das passte für mich nicht zusammen. Ich wollte mich unbedingt persönlich bedanken.“ Bei einem Notarzteinsatz in seinem Viertel sprach er einen Sanitäter an, der gab den Wunsch ans Kreishaus weiter.

Kai Pohl, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst des Ennepe-Ruhr-Kreises, rief alle Beteiligten an – sie freuten sich und waren gerne bereit, dem Wunsch von Georgopoulos nachzukommen. „In der Regel erfährt man nicht, wie es dem Patienten nach der Übergabe im Krankenhaus ergangen ist, schon gar nicht von ihm persönlich. Das ist auch für uns etwas Besonderes“, sagt Pohl.

Der Abschied der Männer am Herdecker Ruhrufer ist herzlich, alle sind inzwischen per Du. Georgopoulos sagt in die Runde: „Ich danke euch. Es ist euer Verdienst, dass ich jetzt zweimal im Jahr Geburtstag feiern kann. Euch das gesagt zu haben, macht mich zum glücklichsten Mann.“ Und genauso sieht er auch aus.

 

Stichwort: Erste Hilfe

Was das Leben des Herzinfarkt-Patienten rettete, war die erfolgreiche Reanimation. „Eine Herzdruckmassage kann jeder Ersthelfer machen, dafür ist kein Fachpersonal notwendig“, wirbt Pohl für beherztes Eingreifen im Notfall. „Man kann nichts falsch machen. Außer man macht nichts, dann macht man alles falsch.“ Wer in Sachen Erste Hilfe unsicher sei, könne einen Kurs zur Auffrischung besuchen.

 

Stichwort: Hilfsfrist

In Nordrhein-Westfalen gilt eine Hilfsfrist von 8 Minuten in städtischen und 12 Minuten in ländlichen Gebieten. In dieser Zeitspanne ab dem Notruf muss das erste qualifizierte Rettungsmittel am Einsatzort eingetroffen sein.

 

Bild (v. links): Kai Pohl, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst, Siegbert Bölter, der das Notarzteinsatzfahrzeug fuhr, Aristotelis Georgopoulos, Leitstellen-Disponent Marco Attern sowie die Besatzung des Rettungswagens, Philipp Börner und Fabian Schleicher. (Foto: EN-Kreis / UvK)

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